Überblick Forschungsergebnisse

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Was in Gehirnen von Traumapatienten passiert

Das Gehirn unterscheidet zwischen verschiedenen Arten von Erinnerungen. Normale traurige Erlebnisse werden als Teil der Vergangenheit abgespeichert. Traumatische Erfahrungen hingegen können sich anfühlen, als würden sie gerade jetzt passieren. Bei PTBS bleibt das Gehirn in einem Zustand der Gegenwart – auch wenn das Ereignis längst vorbei ist. Was kennzeichnet die posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)? Die PTBS ist eine klar definierte psychische Störung, die nach einem extrem belastenden Ereignis entsteht – meist mit bedrohlichem oder katastrophalem Charakter. Sie betrifft mehrere psychische Funktionen: etwa Gedächtnis, Affektregulation, Schlaf und Wahrnehmung. Traumatische Erinnerungen werden im Gehirn anders verarbeitet – und genau darin liegt der Kern der PTBS.

Neuropsychologie
Gedächtnisstörungen bei PTBS

Aufmerksamkeits- und Gedächtnisfunktionen wurden bei Veteranen des Golfkriegs untersucht – differenziert nach Vorliegen einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). Veteranen mit PTBS-Diagnose zeigten signifikante Leistungsdefizite in verschiedenen kognitiven Domänen, insbesondere bei Daueraufmerksamkeitsaufgaben, der mentalen Manipulation von Informationen, der initialen Enkodierung sowie im Zusammenhang mit retroaktiver Interferenz. Auffällig war zudem, dass die kognitiven Leistungen bei PTBS-Betroffenen durch Handlungsfehler und intrusive Inhalte beeinträchtigt waren. Reaktionsenthemmung und kognitive Intrusionen traten gehäuft auf und korrelierten positiv mit dem Wiedererleben traumatischer Symptome (z. B. Flashbacks) sowie negativ mit Vermeidungstendenzen und emotionaler Betäubung. Dieses charakteristische Defizitmuster steht im Einklang mit theoretischen Modellen der PTBS, die Hyperarousal als zentralen Mechanismus hervorheben und auf eine Dysregulation frontal-subkortikaler Netzwerke hinweisen. Letztere gelten als entscheidend für die kognitive Kontrolle, Inhibition und die Regulation emotionaler Reize.

Neuropsychologie
Denkstörungen bei Schizophrenie

Bei der Schizophrenie handelt es sich um eine neurobiologisch fundierte Entwicklungsstörung, die mit strukturellen und funktionellen Veränderungen in frontotemporalen und frontosubkortikalen Netzwerken einhergeht. Diese Veränderungen stehen in differenzierter Beziehung zur klinischen Symptomatik. So sind Negativsymptome vor allem mit Auffälligkeiten in jenen Hirnregionen verknüpft, die für exekutive Kontrolle, Belohnungsverarbeitung und soziale Kognition zentral sind. Wahnphänomene lassen sich insbesondere durch eine unzureichende Kontextverarbeitung und ein voreiliges Schlussfolgern erklären – beides als Ausdruck gestörter Interaktion zwischen Frontal- und Temporallappen. Auditive Halluzinationen sowie sogenannte Ich-Störungen werden aktuell vor allem im Rahmen einer gestörten Vorhersage eigener sprachlicher Handlungen verstanden, begleitet von funktionellen Veränderungen in frontoparietalen Arealen.

Neurowissenschaften
Gehirn aus dem Takt

Altern verändert die Feinabstimmung neuronaler Rhythmen im Schlaf
Unser Gehirn bleibt auch im Schlaf aktiv. Es nutzt die Ruhephasen, um das am Tag Erlebte zu sortieren und dauerhaft im Gedächtnis zu verankern – ein Vorgang, der als Konsolidierung bezeichnet wird. Für diesen Prozess ist ein fein abgestimmtes Zusammenspiel verschiedener neuronaler Rhythmen entscheidend. Vor allem im Tiefschlaf müssen langsame und schnelle Aktivitätsmuster präzise aufeinander abgestimmt sein, um neue Informationen stabil abzuspeichern. Mit zunehmendem Alter gerät diese Abstimmung zunehmend aus dem Gleichgewicht. Während im Wachzustand unterschiedliche Hirnareale koordiniert dafür sorgen, dass wir Reize verarbeiten, planen und handeln können, dient der Schlaf der inneren Verarbeitung und Strukturierung von Erfahrungen. Er ist unerlässlich dafür, dass Gelerntes langfristig gespeichert und vernetzt wird – oder im Einzelfall auch wieder vergessen.

Neurowissenschaften
Angst im Kopf

Menschen mit Panikstörung erleben wiederkehrend plötzliche Anfälle intensiver Angst, ohne dass eine reale Bedrohung erkennbar ist. Diese Zustände gehen häufig mit körperlichen Symptomen wie Herzrasen, Atemnot oder Übelkeit einher – obwohl keine unmittelbare äußere Ursache festzustellen ist. Neurowissenschaftliche Untersuchungen mit funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRT) zeigen: Ursache dieser Reaktionen sind Fehlverarbeitungen im Gehirn. Bei Patienten mit remittierter Panikstörung wurde eine erhöhte Aktivität in der Amygdala festgestellt – dem Mandelkern, der eine zentrale Rolle bei der Erkennung und Auslösung von Angst spielt. Gleichzeitig ist die Aktivität in Arealen wie dem präfrontalen und zingulären Kortex reduziert, also in jenen Bereichen, die normalerweise an der Regulation und Bewertung emotionaler Reize beteiligt sind. Offenbar entsteht die Panikreaktion durch ein Ungleichgewicht im emotionalen Netzwerk des Gehirns: Die Angstzentren reagieren über, während die übergeordneten Kontrollinstanzen nicht ausreichend regulierend eingreifen können.

Neurowissenschaften
Gedächtnis: Das kannst du vergessen

Belastende Szenen – das verwüstete Ahrtal, ein zertrümmertes Auto, schwer verletzte Personen – können durch aktives Unterdrücken allmählich an Intensität verlieren. Obwohl bereits bekannt war, dass sich aufkommende Bilder bewusst wegdrängen lassen, blieb unklar, welche neuronalen Prozesse dieses Vergessen begleiten. Jüngste neuro­wissenschaftliche Befunde zeigen nun: Wird eine traumatische Episode wiederholt gezielt unterdrückt, schwächt sich ihre neuronale Repräsentation messbar ab. Bei spätem Abruf der Szene lassen sich die ursprünglichen Aktivitätsmuster im Hippocampus und visuellen Kortex weniger stark reaktivieren – das Gedächtnistrace ist buchstäblich verblasst. Diese Ergebnisse belegen erstmals direkt, dass kognitive Kontrolle nicht nur den bewussten Zugriff verhindert, sondern auch die Gedächtnisspur selbst modifiziert. 

Neuropsychologie
Was beim Sprachenlernen im Gehirn passiert ?

Bereits im frühen Kindesalter ist das Nervensystem besonders plastisch, weshalb Wörter und Grammatikstrukturen scheinbar mühelos verankert werden. Doch neuere Befunde der kognitiven Neurowissenschaften zeigen: Auch im Erwachsenenalter lassen sich Fremdsprachen bis zur nahezu muttersprachlichen Kompetenz erwerben, weil das Gehirn dabei auf vorhandene, muttersprachlich etablierte Netzwerke zurückgreift.

Zentral sind zwei angeborene Sprachzentren in der linken Hemisphäre. Im Broca-Areal des Frontallappens werden syntaktische Operationen ausgeführt – hier entsteht die regelgeleitete Abfolge von Satzbestandteilen. Im Wernicke-Areal des Temporallappens wird dagegen die Bedeutung von Lautfolgen entschlüsselt, also die Semantik verarbeitet. Beim Lernen einer neuen Sprache werden diese Areale rekrutiert und durch zusätzliches Training in ihren Verknüpfungen gestärkt. Funktionelle Bildgebungsstudien zeigen dabei eine zunehmende Integration beider Zentren in übergeordnete Netzwerke des Arbeits- und Langzeitgedächtnisses, sodass Vokabeln und Grammatikregeln dauerhaft abrufbar bleiben.

Neuropsychologie
Die Reifung des sozialen Gehirns

Im Lauf der Kindheit lässt sich eine charakteristische Verschiebung des Sozialverhaltens beobachten. In frühen Lebensjahren dominieren egoistisches Handeln und geringe Frustrationstoleranz; mit zunehmendem Alter zeigt sich dagegen mehr prosoziales Verhalten. Bis vor Kurzem war unklar, welche neuronalen Prozesse diese Verhaltensänderung begleiten. Aktuelle Befunde weisen darauf hin, dass die Reifung präfrontaler Kontrollareale – also jener Hirnregionen, die Impulse hemmen – älteren Kindern ermöglicht, situationsabhängig angemessen zu reagieren und nicht ausschließlich dem Eigennutz zu folgen.

Ein alltägliches Beispiel liefert der Spielplatz. Wird einem Kind ein Spielzeug entrissen, reagiert es häufig mit Weinen und sucht, teils nonverbal, Unterstützung. Jüngere Kinder zeigen in solchen Konflikten eher ungezügelte Emotionen, während ältere dank fortgeschrittener Impulskontrolle häufiger innehalten, das Unrecht erkennen und eine sozial akzeptierte Lösung – etwa Zurückgeben oder Teilen – wählen.

Diese Beobachtungen verdeutlichen: Die Entwicklung von Prosozialität ist eng an die neuronale Reifung der Systeme zur Verhaltenshemmung gekoppelt; ohne diese ausgereiften Strukturen bleibt das „richtige Handeln im richtigen Moment“ deutlich schwieriger.

Neurowissenschaften
Navi im Kopf

In einer unbekannten Stadt verliert man im Labyrinth aus Straßen und Häuserreihen rasch die Orientierung – und doch gelingt es den meisten innerhalb kurzer Zeit, ohne Stadtplan oder GPS den richtigen Weg zu finden. Aktuelle neurowissenschaftliche Forschungsarbeiten untersuchen, welche neuronalen Mechanismen dieses schnelle Lernen ermöglichen. Ihr Fokus liegt auf dem Navigationssystem des Gehirns: Jene Netzwerke, die normalerweise Entfernungen, Richtungen und Landmarken kodieren, scheinen auch für andere kognitive Leistungen – etwa Gedächtnisbildung oder abstraktes Schlussfolgern – herangezogen zu werden. Besonders in urbanen Räumen zeigt sich das Navigationsverhalten deutlich: Passanten halten das Smartphone wie einen Kompass, drehen sich suchend und rekonstruieren mentale Karten, um vom Bahnhof sicheren Schrittes zum Hotel zu gelangen – „links abbiegen, dann an der dritten Kreuzung nach rechts“. Diese Forschungsarbeit will klären, wie genau diese intern erzeugten Karten funktionieren und wie sie sich auf weiter gefasste kognitive Prozesse übertragen lassen.

Neurowissenschaften
Unsere ersten Schritte in der Welt

Im Verlauf der ersten vier Lebensjahre entfalten Kinder in bemerkenswertem Tempo neue Kompetenzen – von Laufen über Sprechen bis hin zu sozialem Handeln. Indem wir die Gehirnaktivität vor und nach dem Erwerb solcher Fertigkeiten vergleichen, lässt sich präzise rekonstruieren, welche Hirn‑Netzwerke für die Initialisierung, Konsolidierung und Verfeinerung dieser Fähigkeiten entscheidend sind. Bei Erwachsenen fehlt diese Kontrastmöglichkeit, da sie üblicherweise bereits das volle kognitive Repertoire ausschöpfen. Gerade bei Säuglingen und Kleinkindern eröffnen moderne neurowissenschaftliche Verfahren den Zugang zu bislang verborgenen Leistungsreserven: Wir können registrieren, was die Kinder noch nicht verbalisieren können, und so frühe Entwicklungsprozesse des Gehirns unmittelbar beobachten.

Neurowissenschaften
Wenn der Körper trauert

Trauma und Stress graben sich ins Gedächtnis ein

Traumatische Ereignisse, wie der plötzliche Verlust einer nahen Bezugsperson durch Tod oder ein schweres Unfallereignis lösen bei vielen Menschen noch Jahre später Angstzustände und Panikattacken aus. Nach dem international anerkannten Diagnose-Manual DSM-V der American Psychiatric Association gehört es zur Posttraumatischen Belastungsstörung (deutsche Abkürzung: PTBS), dass ein klarer Auslöser für die Erkrankung benannt werden kann. „Viele der Ereignisse liegen allerdings schon einige Jahre zurück, wenn die Betroffenen zu uns kommen. Ihre Patienten kommen zu ihr, weil sie dauerhaft nicht schlafen können, weil sie von Albträumen gequält werden oder weil ihr Gedächtnis dauerhaft vom schlimmen Erlebnis verändert wurde. Sie kommen, wenn sich ihnen Erinnerungen als „Flashbacks“ aufdrängen, wenn sie lebenswichtige Alltagssituationen meiden müssen, wenn sie extrem schreckhaft und ängstlich geworden sind.

Neurowissenschaften
Wie funktioniert ein fotografisches Gedächtnis?

Ein echtes „fotografisches Gedächtnis“ – im Sinne einer fehlerlosen, dauerhaften Abbildung sämtlicher visueller Details – existiert in der kognitiven Psychologie nicht. Zwar findet man vereinzelt Personen mit außergewöhnlich guter Bildspeicherung, doch selbst bei ihnen weichen die Erinnerungen messbar von der Vorlage ab. Dem populären Mythos am nächsten kommen das ikonische und das eidetische Gedächtnis. Das ikonische Gedächtnis stellt eine sehr kurzlebige, hochauflösende visuelle Repräsentation dar, die gewöhnlich nur einige Hundert Millisekunden anhält. Es bildet die Basis für die Überführung ausgewählter Informationen in das visuelle Kurzzeitgedächtnis. Klassische Experimente von George Sperling belegen, dass dieses ikonische Register bei allen Menschen vorhanden ist: Nach extrem kurzer Darbietung einer Buchstabenmatrix konnten Probanden mithilfe eines Hinweisreizes (Partial-Report-Paradigma) einzelne Zeilen nahezu vollständig wiedergeben – ein Indiz für die kurzfristig nahezu vollständige sensorische Speicherung. Eidetische Fähigkeiten, d. h. das minutenlange „Nachsehen“ komplexer Szenen, sind dagegen extrem selten und ebenfalls nicht vollkommen exakt.